Interview

„Dem Yoga-Weg verdanke ich alles“

Interview mit dem Yogalehrer und Filmemacher Thorsten Kellermann

 

Was ist das Besondere an Yoga?

Yoga ist hundert Prozent Praxis. Es ist ganzheitlich und immer mit dem Leben verbunden. Beim Üben richtet sich die Aufmerksamkeit nach innen, auf den Körper, auf die Atmung und das Bewusstsein – und nicht nach außen wie zumeist im Alltag. Das bringt den Übenden zu sich selbst und tut Körper und Geist gut. Yoga zu praktizieren ist aber nicht nur für den Einzelnen ein Segen, es trägt auch dazu bei, die Gesellschaft positiv zu gestalten. Über den Einzelnen wird auch unsere Welt bewusster.

Was zeichnet die dharmabodha-Yogaschule aus?

Hier bei dharmabodha Yoga findest Du einen Ort der Ruhe. Eine Besonderheit sind auch Angebote für Zielgruppen, die selten berücksichtigt werden. Bei dharmabodha gibt es Kurse für Kinder, Jugendliche und Senioren. Menschen mit körperlichen Beschwerden oder besonderen Voraussetzungen können bei mir außerdem Einzelunterricht nehmen – ein Angebot, das auf viel Interesse stößt und bei dem ich auch mit dem Kölner Arzt für Naturheilverfahren Dr. Peter Auhagen zusammenarbeite. Nach einigen Stunden Einzelunterricht mit individueller Betreuung ist es für viele dann möglich, in die laufenden Kurse zu wechseln. Bei dharmabodha lernen und praktizieren also Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen.

 

„Bei dharmabodha praktizieren Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen.“

 

Welche Voraussetzungen sollte man für Yoga mitbringen?

Grundsätzlich kann jeder Mensch jeden Alters mit Yoga beginnen. Hilfreich sind eine Offenheit und Neugier, sowie ein Interesse daran, den eigenen Körper zu erforschen. Außerdem sollte die Bereitschaft zum eigenen Üben vorhanden sein oder sich entwickeln.

Wie bist du selbst zum Yoga gekommen?

Als Jugendlicher war ich Leistungssportler. Danach habe ich an der Deutschen Sporthochschule Köln studiert und meinen Abschluss gemacht. Mit Anfang dreißig war ich mit meinem Leben und den Beziehungen zu anderen Menschen sehr unzufrieden. Ich begann, nach Sinn und Orientierung zu suchen. So kam ich zunächst zur Zen-Meditation und zum Buddhismus. Ich meditierte, saß stundenlang auf einem Kissen mit Blick auf die Wand und zog mich immer mehr zurück. Nach einigen Jahren bin ich auf diesem Weg nicht mehr weitergekommen und entdeckte Yoga. Zuerst praktizierte ich Hatha Yoga. In dieser Zeit orientierte ich mich auch beruflich neu und begann ein künstlerisches Filmstudium an der Kunsthochschule für Medien. Im Yoga probierte ich verschiedene Richtungen und Lehrer aus, bis ich zu Maria Jesus Lorrio Castro und Iyengar Yoga kam – und dabei blieb. Mich beeindruckten Marias Wissen und ihre präzisen Anleitungen zur Ausrichtung des Körpers. Ich erlebte, wie fein ich mich in den Asanas ausrichten, in ihnen atmen und sie erleben konnte und entwickelte immer mehr Körpersensibilität. Durch den jahrelangen Unterricht erlangte ich auch ein tiefes Wissen über die Hinführung an die Asanas. Dies nennt man im Yoga Vinyasa Krama – der überlegte Aufbau eines Übungskonzepts. Der Schlüssel zu meiner eigenen Yoga-Praxis war dann aber die Begegnung mit Sri Durgamayi Ma, einer spirituellen Meisterin, die in ihrem Ashram in Ulm den Weg des Bhakti Yoga lehrt. Ich wurde ihr Schüler und bekam dadurch eine wirkliche Beziehung zum Yoga, zum Üben, zum Unterrichten, zur Hinwendung nach innen. Bei MA erlebte ich ganz authentisch und lebendig die tiefe spirituelle Welt der Yoga-Philosophie.

 

Was willst du im Unterricht vermitteln?

Yoga ist für die Menschen da und soll Ihnen dienen. Diese Essenz des Yoga und die Liebe zu den Menschen sind die Grundlagen meines Unterrichts. Daran versuche ich mich immer wieder auszurichten. Ich möchte meinen Yogaschülerinnen und -schülern zeigen, wie sie gut auf ihre Gesundheit achten können. In meinen Kursen lernen sie zunächst ihren Körper – in seinen Möglichkeiten wie in seinen Beschränkungen – gut kennen. Sie lernen, die Atmung zu spüren und einzusetzen. So entwickelt sich Freude am Körper und den eigenen Möglichkeiten. Ziel ist es, dass die Übenden die Asanas nicht einfach nur nachmachen, sondern verstehen und mit voller Aufmerksamkeit erleben. Das bringt sie beim praktizieren in den jeweiligen Moment . Nach einigen Kursen können die Teilnehmer Körper, Atem und Geist nicht nur hier in meinen Stunden, sondern auch beim eigenen Üben zu Hause ausrichten. Im Unterricht lasse ich gelegentlich auch etwas Yoga-Philosophie einfließen. Das dient als Anregung, um über sich selbst und die Yoga-Praxis zu reflektieren und um den Alltag als Übungsfeld für Körper und Geist zu entdecken.

 

„Die Liebe zu den Menschen und zur Essenz des Yoga sind die Grundlagen meines Unterrichts.“

 

Welche Rolle spielen Hilfsmittel wie Gurte, Klötze, Stühle oder Decken in deinem Unterricht?

Diese Hilfsmittel sind für mich heute ein Schlüssel zum Yoga-Verständnis. Den Zugang dazu musste ich mir aber erst erarbeiten. Als ich das erste Mal in einem Iyengar-Kurs mit Klötzen und Gurten in Kontakt kam, habe ich mich innerlich dagegen gesträubt. Ich wollte alle Positionen alleine und ohne Hilfen schaffen. Doch dann haben wir einmal Viparita Dandasana mit dem Stuhl geübt. Und ich bemerkte, als wie wohltuend ich diese unterstützte Rückwärtsstreckung empfand. Plötzlich konnte ich meine Wirbelsäule richtig lang machen und den Brustkorb öffnen und entspannen. Dieses weite Körpergefühl hielt den ganzen Tag an. Das war für mich ein Wendepunkt. Seitdem praktiziere ich gerne und oft mit unterschiedlichen Hilfsmitteln und bin dabei im Laufe der Jahre sehr neugierig und kreativ geworden. Hilfsmittel zu verwenden, hat einen weiteren positiven Effekt: Man lernt, Hilfe anzunehmen. In einem Kurs mit Menschen mit körperlichen Beschwerden oder mit älteren Menschen sind Hilfsmittel aus meiner Sicht ein Segen, um gesund Yoga zu üben.

 

Was ist durch Yoga möglich? Was kann man erreichen?

Wer regelmäßig Asanas, Meditation und Pranayama übt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit seinen gesamten Körper stärken, eine höhere Körperwahrnehmung entwickeln und mit Stress und Belastungen im Alltag besser umgehen. Wie positiv sich Yoga auf die Gesundheit von Körper und Geist auswirkt, zeigen unzählige wissenschaftliche Studien. Was für mich jedoch noch wesentlicher ist: Mein Leben hat durch Yoga im Laufe der Jahre eine Ausrichtung bekommen, die es vorher nicht gab. Und diese Ausrichtung kommt zunehmend von innen: Erst braucht man die äußere Orientierung – den Yoga-Kurs, die Anleitung und die Disziplin, möglichst täglich zu üben. Aber wenn man dann über einen langen Zeitraum hinweg übt und sich mit der zugrundeliegenden Philosophie beschäftigt, dann entwickelt sich etwas im Inneren. Auch im Leben entstehen dann gesunde Strukturen – Übungen und Rituale, die einen durch den Tag bringen und ungemein helfen können. Gerade wenn es mal nicht rund läuft, ist Yoga ein Segen und kann ein fester Anker sein.

 

„Erst braucht man die äußere Orientierung, dann entwickelt sich etwas im Inneren.“

 

Was heißt es für dich, Lehrer zu sein?

In die Rolle des Lehrers bin ich langsam hineingewachsen. Anfangs hat es mich Überwindung gekostet, anderen Menschen zu sagen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Aber ich habe selbst erlebt, wie toll es ist, vertrauenswürdige und unterstützende Lehrerinnen und Lehrer zu haben, die sich in ihrem Feld gut auskennen und die einem helfen und eine Orientierung geben können. Und nach und nach entstand in mir diese Freude daran, zu unterrichten und über das zu sprechen, was mir im Innersten wirklich wichtig ist. Die Menschen, bei denen ich gelernt habe, sind für mich eine wichtige Orientierung und Kraftquelle. Ich bin ihnen zutiefst dankbar und ich versuche viel von dem, was ich von Ihnen gelernt habe, zu üben und auch weiterzugeben. Als Lehrer möchte ich Menschen für das Yoga begeistern und zum eigenen Üben motivieren. Dabei versuche ich selber jeden Tag etwas zu üben. B.K.S. Iyengar hat einmal gesagt „Wenn du nicht mehr selber Yoga übst, solltest du aufhören, Lehrer zu sein.“ Das empfinde ich genauso. Das eigene Lernen hört für mich nicht auf. Ich entdecke immer wieder Neues, Unbekanntes.

 

Wie oft praktizierst du für dich selbst?

Während der Woche übe ich, wenn es mir möglich ist, täglich etwa 45 bis 60 Minuten und lege unterschiedliche Schwerpunkte, etwa auf Asanas, Pranayama oder Meditation, außerdem lese ich fast jeden Tag einen kurzen Text über Yoga. Einmal in der Woche übe ich zwei Stunden lang. Am Wochenende versuche ich meist nur, meinen Körper zu regenerieren.

 

Wie hat sich dein Leben durch Yoga verändert?

Yoga hat alles verändert. Meiner Bhakti-Meisterin Sri Durgamayi Ma, meiner Iyengar-Lehrerin Maria Jesus Lorrio Castro und dem Yoga-Weg verdanke ich alles. Durch Yoga habe ich meinen Platz im Leben und in der Gesellschaft gefunden, ich konnte eine Familie gründen und beruflich meinen Weg als Lehrer und Filmemacher finden. Die Veränderungen passierten langsam, Schritt für Schritt, ohne dass ich sie geplant hätte. Und die Yoga-Praxis hat mich dabei immer begleitet.

 

„Ich versuche weniger zu trennen zwischen Spiritualität und Alltag.“

 

Was bedeutet Spiritualität für dich?

Spiritualität bedeutet für mich eine Ausrichtung nach einer „höheren“ Bewusstseinsebene – nenne es Gott, Liebe, Sinn, Werte oder wie du es möchtest. Diese Transzendenz hilft mir oft, den Alltag zu bewältigen, und dient mir immer wieder als Orientierung. So versuche im mich täglich daran zu erinnern mein Verhalten dem Leben und den Menschen gegenüber auszurichten. Es geht also immer um Bewusstsein, Verbundenheit und Lebendigkeit. So versuche ich auch Yoga zu üben. Der normale Alltag ist für mich dann oft ein spannendes Übungsfeld, um mehr Bewusstsein in mein Leben zu bringen. Mein Ziel ist es, weniger zu trennen zwischen Spiritualität, zum Beispiel einer Mediationsübung, und Alltag, zum Beispiel „spülen“. Der Weg dorthin ist noch lang. Aber Spiritualität mündet für mein Empfinden im „normalen“ Alltag. Es ist nichts, was wir im Himalaya suchen müssten, es ist genau da, wo wir gerade sind.

 

Eine Frage an den Künstler und Filmemacher – Ist Yoga kreativ?

Je länger ich Yoga übe, desto kreativer werde ich. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich zwei kleine Kinder zu Hause habe und es liebe mit ihnen zu spielen und zu gestalten. Durch die Kinder bin ich außerdem gezwungen, mir immer wieder kleine Freiräume zum Üben zu schaffen. Oft praktiziere ich dann für kurze Momente im Alltag: kleine Meditationen, Atem- oder Ausrichtungsübungen, etwa unter der Dusche, beim Zähneputzen, beim Fahrradfahren, wenn ich den Kinderwagen schiebe oder im Supermarkt an der Kasse. Das habe ich bei meiner Meisterin so gelernt. Auch im Unterrichten werde ich immer kreativer. Ich lese viel und lasse mich von Büchern, Ideen und Methoden inspirieren. Und ich probiere alles selbst aus, bevor ich es in den Unterricht einbringe! Manchmal werfe ich im Unterricht mein Konzept nach wenigen Minuten wieder über Bord, weil ich erkenne, dass meine Yogaschülerinnen und -schüler jetzt etwas anderes brauchen. Das sind oft die besten Stunden. Sie entstehen einfach so aus dem Moment heraus. Wie ein Gedicht oder ein Bild, von dem man vorher noch gar nichts wusste. Ja, Yoga kann sehr kreativ sein.

 

Welche Zukunftspläne hast Du?

In der letzten Zeit macht mir das Unterrichten von Kindern und Jugendlichen viel Freude. Gerade in der Kindheit kann Yoga sehr hilfreich sein. An den Schulen gehen die Bewegungsangebote eher zurück. Orte an denen es still ist und die Kinder in ruhiger Atmosphäre, ohne Musik und Medien, nur mit sich und ihrem Körper sein können, sind rar geworden. 

Es wäre daher sehr sinnvoll Yoga in Schulen als eigenes Fach zu etablieren. Im Bereich „Yoga für Kinder“ werde ich im Herbst 2019 eine Fortbildung anbieten.

Das zweite spannende Thema für mich ist: „Yoga für Senioren“. Die Kurse Yoga 55+ und Yoga 60+ unterrichte ich sehr gerne und erlebe hier viele dankbare Menschen, von denen manche sogar zum ersten Mal Yoga ausprobieren. Diese Kurse haben gerade starken Zulauf. Ja, ich bin eben auch älter geworden und meine eigene Yoga Praxis hat sich in den letzten Jahren auch verändert. Die Beweglichkeit und Kraft meines Körpers sind nicht mehr wie früher. Das ist manchmal schwer zu akzeptieren und ich muss lernen nicht in alten Vorstellungen zu hängen. Aber mit der Zeit entwickelt sich auch eine ganz neue Qualität: Seitdem ich begonnen habe, noch viel mehr auf den Atem und den Körperzustand zu hören entdecke ich  eine neue Tiefe und Qualität des Yogas die ich vorher nicht so tief erlebte. Da geht es jetzt weiter….